28. August – 25. Oktober 2026
ufern
Heiko Blankenstein
Catrin Lüthi K
Sabine Trüb
Vernissage
Donnerstag, 27. August 2026, 18.30 h
Begrüssung Christian Greutmann und Michael Nitsch, Kuratoren, 19 h
Werkgespräch
Sonntag, 27. September 2026, 15 – 17 h
mit den Kunstschaffenden und Kuratoren
Führung
Sonntag, 18. Oktober 2026, 15 – 17 h
mit den Kunstschaffenden und Reto Senn: Bassklarinette / Improvisation
Finissage
Sonntag, 25. Oktober 2026, 15 – 17 h
in Anwesenheit der Kunstschaffenden
Öffnungszeiten: Freitag 14 – 17 h, Samstag + Sonntag 11 – 17 h
ufern
«ufern» – der Duden kennt diesen Ausdruck nicht. Ist hier das positiv besetzte Gegenüber von «ausufern» gemeint, dann geht es um etwas Friedliches, Beschauliches. Ufer sind aber selten festgefügte Grenzen. Sie verändern sich stetig, wenn Wellen anbranden. Flüsse suchen sich ein neues Flussbett, wenn man es zulässt.
Mit solch flüchtigen und ephemeren Prozessen beschäftigen sich die drei Kunstschaffenden dieser Ausstellung. Sie gehen an Grenzen und, wie man sieht, auch öfters darüber hinaus. Friedlich und beschaulich muss das nicht immer sein.
Heiko Blankenstein beschäftigt sich in seiner Arbeit intensiv mit kosmischen Phänomenen, die ihn zu erweiterten Raumerfahrungen führen, welche sich zwischen Dystopie, Naturwissenschaften und einer Form künstlicher Meta-Natur bewegen.
Seine oft grossformatigen und raumgreifenden Installationen bestehen aus Zeichnungen, die skulptural eingebettet sind in geometrische oder organische Konstrukte. Diese setzen sich in Beziehung zu den Zeichnungen, nehmen diese auf, führen sie weiter und sprengen mitunter buchstäblich den Raum.
Im Eingangsgeschoss begegnen wir drei grossformatigen Zeichnungen aus der Serie «green things». Die Kohlezeichnungen wirken sehr räumlich, sie erinnern bisweilen an organische Strukturen und biologische Prozesse. Höhlenartige Öffnungen stehen neben pilzartigen Formen, neblig wirkende Bereiche kontrastieren mit pelzartigen Stellen.
Konfrontiert werden die Zeichnungen von zuckerbäckerartigen Gebilden, die wirken, als wären sie zufällig an die Wand geklatscht worden oder würden sich wie wuchernde Pilze an den Rändern der Leinwände ausbreiten. Formal nehmen sie Stellen des Inneren auf, führen manchmal den Raum weiter oder umgarnen die Zeichnungen wie barocke Stuckaturen. In ihrer Künstlichkeit stehen sie in einem krassen Kontrast zur Natürlichkeit der Zeichnungen.
Trotz softer Optik haben diese Elemente eine steinharte und schrundige Oberfläche. Wenn man genauer hinschaut, erkennt man auch, dass sie tatsächlich die Zeichnungen tragen. Das scheint ihre Bestimmung zu sein — eine feinsinnige Parabel für gegenseitige Abhängigkeiten.
Im Mittelgeschoss treffen Blankensteins Zeichnungen auf malerische Arbeiten von Sabine Trüb und fragile Skulpturen von Catrin Lüthi K.
Bei Sabine Trüb verdichten sich unzählige Schichten von feiner Zeichnung, Tuschemalerei und Pinselbewegungen zu grossen Flächen. Häufig wendet sie auch eine Falttechnik an, bei der das Unvorhergesehene Teil der Arbeit wird. Sie lässt sich gerne von zufälligen Prozessen leiten. Das Unperfekte bleibt stehen und wird Teil des Ganzen. So kann sich das Papier durch die feuchte Farbe wölben oder die flüssige Farbe auf der Bildfläche ein Eigenleben zeigen. Architektonische Elemente in Kombination mit malerischen Bewegungen lassen den Prozess der Bildentstehung auch im Nachhinein miterleben, wie sich die Künstlerin langsam vom leeren Papier zur starken Verdichtung hingearbeitet hat. Es ist ein Spiel aus Zufall und Kontrolle. Ein Hin und Her, das so lange dauert, bis das Resultat sich zu dem gefügt hat, was die Künstlerin eine «labile Stabilität» nennt.
Eine Arbeit ist dann beendet, wenn sie eine innere Ruhe gefunden und sich dennoch eine Dynamik bewahrt hat, welche sich auf den ersten Blick erschliesst, so die Künstlerin.
Catrin Lüthi K bringt das Flüchtige in drei Skulpturen ein. Ein Betonsockel mit Hohlräumen dient einem schräggekippten grünlich bemalten Lattenkörper als Anker. Die Gelenke teilweise mit Gipsplatten und Spachtel zu Wulsten verstärkt, wirkt das Konstrukt trotzdem fragil und in der Schwebe. Zwei «Blüten» stehen und liegen im Raum. Die gefärbten Papierhüllen, aufgesteckt auf merkwürdigen Wurzelstecken oder emporschiessend aus einem schweren Kragen aus Walzblei, nehmen diese Vergänglichkeit auf.
Die Künstlerin spielt in ihren Arbeiten bewusst mit dieser Zerbrechlichkeit und Vergänglichkeit.
Auch bei ihr begegnen wir fragilen, kaum sichtbaren, gegenseitigen Abhängigkeiten.
Nach der Ausstellung verschwinden die Plastiken, zerlegt, wieder in ihrem grossen Lager, um sich an einem anderen Ort und möglicherweise in anderer Schichtung neu zu präsentieren.
In ihrer Grundhaltung ist sie nahe an Heraklit, dem grossen Philosophen der griechischen Antike. Auch er hatte schon die These, dass nichts in der Welt und im Kosmos stabil sei.
Catrin Lüthi K und Sabine Trüb finden immer wieder für ortsbezogene, oft sehr grosse Inszenierungen als Künstlerinnenduo zusammen. So auch hier, wo die beiden das unterste Geschoss in die riesige, raumgreifende Installation «Tiefsee» verwandelt haben.
Dystopisch wirkt diese dunkle Tiefsee, fliessend, triefend und übermässig stark aufgewühlt. Zu spitzen Gebirgen türmen sich die schwarzen Wassermassen auf. Darüber hängen, fast unschuldig, diverse kleine Wassersäckchen wie grosse Tropfen. Könnten sie es aufnehmen mit dem Sog der Tiefe oder halten sie als Lichtboten dem Luftraum stand? Wir dürfen die schwarzen Fluten auf sicheren Stegen umgehen – hineinsteigen würden wir sicher nicht.
Für einmal also löst sich die dominante Treppenlandschaft des Trudelhauses auf. «Panta Rhei», «alles fliesst», Heraklits Weltbild scheint sich hier zu manifestieren.

Michael Nitsch, Collage mit Werkausschnitten von
Heiko Blankenstein, Catrin Lüthi K, Sabine Trüb, 2026





